Einstürzende Neualtbauten:
Zum 250. Geburtstag von William Beckford
(von Christiane Frohmann)

William
Beckford
William
Beckford wird am 1. Oktober 1760 als Sohn des Kolonialherren und
zweimaligen Bürgermeisters von London Lord William Beckford dem Älteren
und dessen Frau Maria Hamilton Beckford in Fonthill in der englischen
Grafschaft Wiltshire geboren. Glaubt man den Biografen, erbt William
Beckford von seinem Vater neben großem Reichtum noch heftigen Jähzorn,
während er seiner Mutter alten Adel und genealogischen Snobismus
verdankt. Von calvinistischen Privatlehrern erzogen, erschafft sich das
materiell verwöhnte Kind in Ermangelung realer Spielgefährten eine
phantastische Tagtraumwelt, in der sich Elemente aus ‚Tausendundeiner
Nacht’ und Gothic Novel überblenden.
Nach dem Tod des Vaters 1770 macht sich Englands nun „vermögendster
Sohn“ (Lord Byron über Beckford) daran, seinen inneren Orient Bild für
Bild, Effekt für Effekt, in die physische Realität zu übersetzen und
detailgetreu nachzubauen.
Seinen
21. Geburtstag 1781 feiert Beckford deshalb gleich zweimal: Einmal in
der offiziellen Rolle als aufgeklärter Staatsmann und zukünftiges
Parlamentsmitglied, das andere Mal in der heimlichen Rolle seines
orientalischen Ideal-Ichs. Beide Feste sind gemessen an Prunk und
Aufwand eines Königs würdig, doch während die offizielle Feier
ästhetisch wie moralisch im Rahmen des gesellschaftlich Akzeptablen
bleibt, sprengt die zweite, an den Weihnachtstagen stattfindende Party
alle Vorstellungen: Mithilfe des Malers, Bühnenmagiers und
Mediendesigners Philip James de Loutherbourg verwandelt Beckford
Fonthill Splendens, das vom Vater geerbte palladianische Haus in eine
temporäre Architektur des Unheimlichen. Mit ausgewählten Freunden,
Hauptsache sie sind jung und sehen gut aus, gibt er sich darin technik-
und drogeninduzierte Chills und Thrills.
1838 beschreibt Beckford aus der Rückschau diese dreitägige
Phantasmagorie als Höhepunkt seines Lebens: „Der leuchtende Dunst drang
in jeden Gegenstand, der mystische Anblick, das Ungeheure, das
Verschlungene des gewölbten Labyrinths sorgte für einen so befremdlichen
Effekt, das keiner mehr zu sagen vermochte, wo er sich augenblicklich
befand, wo genau er stand, wo er eben gewesen und wohin er jetzt ging –
so verwirrend und verstörend wirkten die vielen illuminierten Stockwerke
voll unendlich abwechslungsreicher Zimmer.“ Die düster-glamouröseMood-Architektur,
innerhalb derer die modischen Kastratengesänge plötzlich ganz anders:
riskanter, nicht mehr sphärisch, sondern satanisch klingen, erweist sich
als so nachhaltig wirkungsvoll, dass Beckford unter ihrem Einfluss 1783
sein berühmtestes Werk, den orientalisierenden Schauerroman ‚Vathek’
schreibt, dessen Titelfigur ein wissens-, sex- und fresssüchtiger Kalif
ist, der sich hochmütig und stolz selbst zu Fall bringt.
Im ‚Vathek’ entwickelt Beckford jene ironisch-makabere Spielart des Unheimlichen, welche im Roman Carathis – eine wenig schmeichelhafte Darstellung von Beckfords ehrgeiziger Mutter – als „ausgeprägte Vorliebe für Leichen und alles Mumienmäßige“ zusammenfasst. Diese von Beckford erstmals auf den Punkt gebrachte ironische Neigung zum Morbiden und Makabren hat seither kondensierend in den Schlagworten »Schwarze Romantik«, »Dekadenz« und »Millennium Gothic« drei fin des siècles geprägt: Ohne William Beckford kein Edgar Allan Poe, kein Charles Baudelaire, kein Joris-Karl Huysmans, keine Luisa Casati, keine Theda Bara, kein Hammer-Horror, kein Tim Burton, kein Alexander McQueen.
Beckford selbst dient der ‚Vathek’-Roman später als Blaupause für seinegothisierende Wohnkathedrale Fonthill Abbey, die er sich ab 1790 von Stararchitekt James Wyatt bauen lässt: Dank ‚Vathek’ kann er sich das säkulararchitektonisch Undenkbare vorstellen: unendlich weitläufig erscheinende Räume und ein 90 Meter in den Himmel ragender Turm – ursprünglich sind sogar 137 Meter geplant. Beckford benötigt dieses der Ästhetik des Erhabenen folgende größte englische Privathaus aller Zeiten, um sich darin als Subjekt zu entfesseln: um Vathek zu spielen, Vathek zu werden, Vathek zu sein.

Zeitgenössische Ansicht von Fonthill Abbey
William
Beckford ist der heimliche Gründer eines imaginären Clubs superreicher
Visionäre, die in physisch maßstabsgetreu nachgebauten Traumwelten mit
ihren Ideal-Ichs verschmelzen – andere Mitglieder sind Ludwig II. von
Bayern, die Marquesa Luisa Casati und Michael Jackson. Im Leben und Werk
verschlingenden ‚Vathek’-Projekt werden die Vorstellungen von »echt«
und »falsch«, »real« und »fiktional«, »physisch« und »virtuell«,
»selbst« und »anderer« elastisch: Beckford schafft mit virtueller
physische Realität.
Finanziell
kann es sich Beckford dank der geerbten Zuckerrohrplantagen leisten,
seinem Vorstellungsvermögen freien Lauf zu lassen, gesellschaftlich aber
wird er bald in seine Schranken gewiesen. Die im ‚Vathek’ bezeugte
Selbstwahrnehmung als „guter alter Geist“ mit „Vorliebe für die
Gesellschaft von Kindern“, wird im England des späten 18. Jahrhunderts
nicht geteilt. 1784 wird Beckford von einem politischen Gegner
homosexueller Handlungen bezichtigt, woraufhin er, obwohl es nicht zum
Prozess kommt, die Heimat verlässt, um erst nach 19 Jahren
zurückzukehren. (Eine unfreiwillige zweite Grand Tour unternehmen
später auch Lord Byron und Oscar Wilde.) Nach seiner Rückkehr muss
Beckford erkennen, dass er für die englische Adelsgesellschaft
»gestorben« ist und das Negativ-Image des „Narren von Fonthill“ auch als
Ehemann und zweifacher Vater nicht mehr loswerden wird. Düstere
Legenden um Orgien, Mord und Satanismus zirkulieren, man munkelt,
Beckford habe den tragischen Tod seiner Frau selbst herbeigeführt: durch
seelische Grausamkeit oder gar Gift. – Margaret Beckford stirbt
nachweislich im Kindbett. – Der wiederholte Einsturz des Hauptturmes von
Fonthill aber wird als Fingerzeig Gottes angesichts menschlicher Hybris
interpretiert. – Nachweislich hybrid sind nur die für Fonthill
verwandten Baumaterialien.
Beckfords gesellschaftlicher Umgang beschränkt sich fortan auf enge Verwandtschaft und finanziell abhängige Künstler. Beleidigt lässt er eine zehn Kilometer lange und fast vier Meter hohe Mauer um sein Anwesen ziehen und schließt damit diejenigen aus, die ihn ausschließen. – Als offizieller Grund für den Mauerbau wird Beckfords Abneigung gegen den Anblick grausamer Fuchsjagden genannt. – Fonthills lebensfeindlicher Charakter als selbstgeschaufeltes „heiliges Grab“ (Beckford) wird durch diese Dornröschenmauer weiter unterstrichen. Zudem verschlingt das megalomane Un-Heim, zu dessen Innengestaltung Massen kostbarer Kunstobjekte benötigt werden, allmählich Beckfords einst unerschöpflich erscheinendes Vermögen. Um nicht bankrott zu gehen, muss Beckford Fonthill 1823 an den Waffenhändler John Farquhar verkaufen, der überraschenderweise – Experten halten Fonthill für unverkäuflich – einen immensen Preis dafür zahlt, nur um zwei Jahre später mit ansehen zu müssen, wie das Gebäude endgültig einstürzt. Beckford selbst siedelt finanziell saniert nach Bath über, wo er die ihm bleibenden zwei Jahrzehnte verbringt und sich einen letzten, deutlich bescheideneren Turm, den Lansdown Tower bauen lässt.

Das eingestürzte Haupthaus von Fonthill Abbey, 1825
Menschen, die zu ihrer Zeit »nicht von dieser Welt« sind, erweisen sich zurück aus der Zukunft betrachtet oft als »weit ihrer Zeit voraus«. Aus heutiger Sicht erscheint William Beckford als Stimmungsarchitekt, Performer, Avatar-Designer und Shopping-Süchtiger avant la lettre. Gleichzeitig aber lehrt sein Beispiel und hätte es etwa Michael Jackson lehren können, dass sich Selbst-Image-Designer oft als Spinne im eigenen Netz verfangen, deren Fäden ohne sie, aber um sie herum in Medienschauergeschichten weitergesponnen werden. So wie Jackson seine ersten bizarren Image-Lagen selbst verantwortet – das Bild aus der Sauerstoff-Kammer und seine Absichtserklärung, die Knochen des »Elefantenmenschen« Joseph Merrick kaufen zu wollen, sind nachweislich bewusst lancierte PR-Gags –, gibt sich Beckford durch seine Selbstinszenierung als Vathek ein dämonisches Image, das beim zeitgenössischen Publikum negative Emotionen auslöst. Der »King of Pop« und »England’s wealthiest son« liefern selbst die ambivalente Vorlage, in deren Folge sie dann eindeutig negativ als »Wacko Jacko« beziehungsweise »Fool of Fonthill« wahrgenommen werden können und werden.
Beckfords Tendenz zum Ruinösen ist allerdings kein blinder
Fleck – weder im ästhetischen noch im limbischen System: Der Einsturz
von Türmen, die so effekthascherisch und materiell wie ideologisch
windig konstruiert sind, ist Programm. Beckford stilisiert sich bereits
1781, also im Alter von 21 Jahren als Ästhet, der prädestiniert dazu
ist, seinen aufgeklärten Zeitgenossen gegen den Strich zu gehen: „Ich
fürchte, ich werde nie zu mehr taugen als dazu, Melodien zu komponieren,
Türme zu erbauen, Gärten anzulegen, antikes japanisches Porzellan zu
sammeln und Reisen nach China oder zum Mond zu beschreiben.“
Heute passt William Beckford besser ins Bild: Mit dem zitierten Portfolio aus Komposition, Architektur und virtueller Reisebeschreibung könnte er gesellschaftlich respektiert und gut bezahlt im Trendberuf Game-Designer arbeiten. Mit seinem 16-jährigen Schwarm William „Kitty“ Courtenay, dem späteren 9. Earl of Devon wäre, dessen Einverständnis vorausgesetzt, legaler Sex möglich. Die Vorstellung einer (weitgehend) sexfreien Liebesehe erscheint heute nicht mehr implausibel. Und Menschen, die riesige Vermögen für Kunst ausgeben, laufen heute zu Hunderten über die Art Basel Miami. – William Beckford hätte mit Sicherheit viel Spaß in der von ihm mitbegründeten Spaßgesellschaft.